Herbstanfang mit Judith Hermann. Gedanken über das Alter.

Am Sonntag war Herbstanfang. Heute ist er da. Kräftiger Wind weht mir um die Ohren. Die Blätter fallen zu Tausenden vom Himmel. Ich kann mit meinen Schuhen durch das Laub rascheln.  Seltsam, wie schnell es am Ende immer geht. Vorvorgestern war noch Spätsommer. Warm. Schwül und grün. Ein Mädchen hatte mich gefragt, warum ich einen Pullover trage. Und ich habe mich dafür geschämt. Einfach so, habe ich geantwortet. Weil September ist. Heute trage ich eine Regenjacke, darunter Fleece und Wanderschuhe mit dicken Socken. Funktionsklamotten ahoi. Mit dem Hund durch den Wald spazieren. Dabei lese ich Judith Hermanns neuen Roman. Ihren ersten Roman. Aller Liebe Anfang. Ich habe ihn mir heute morgen im Bahnhof gekauft. In Düsseldorf. Wie seltsam. Warum gerade da? Schlagartig fiel es mir ein. Schlagartig, wie dem Herbst einfiel, da sein zu müssen. Und dann im Zug die ersten 50 Seiten und im Laufen nun den Rest. Es stört mich nicht, wenn dicke Regentropfen auf das Papier fallen. Ganz und gar nicht. Judith Hermann muss das aushalten.

Der Roman beginnt im Frühling. Fliederbäume und Buchs. Dann kommt der Sommer. Erdbeeren gestückelt mit Zucker. Ein Rasensprenger. Ein schönes Wort. Es geht aber um Stalking. Nicht ganz so schön. Ich lese rasch das Buch aus. Knapp über 200 Seiten. Große Schrift. Viele Absätze. Ich würde es besser eine Erzählung taufen. Für einen Roman geht es zu schnell vorbei und am Ende geht es um zu wenig und doch um so viel.

Sehnsucht. Einsamkeit. Alter. Langeweile. Kinder. Liebe.

Die Kritiker der großen Blätter haben das Buch vernichtet, sich an Kleinigkeiten hochgezogen, der Autorin unterstellt, sie könne nicht schreiben, sie sei verstockt, unehrlich und hätte nichts zu sagen.

Es sind die gleichen, die Judith Hermann vor 14 Jahren in den Schriftstellerhimmel gehoben haben. Zur Stimme einer Generation gemacht. Der Generation Berlin. Meiner Generation. Judith Hermann hatte meine Geschichten aufgeschrieben. Meine Sehnsüchte, meine Biographie aus meiner Stadt erzählt. Auch wenn ich viel jünger bin. In Berlin fängt man ja bekanntlich früh an.                                Ich habe „Sommerhaus später“, „Nichts als Gespenster“ und  besonders „Alice“ aufgesogen und mich in allem bestätigt gefühlt. Daseinsberechtigung. Es ist okay, dass alles aus dem Lot gerät. Es ist vollkommen okay, wenn Du noch nicht weißt, wo die Reise hingeht. Darum geht es doch.                   So ist Berlin. So muss das sein.

Was hat sich bei Frau Hermann geändert? Keine Partys, keine Drogen, keine flüchtigen Bettgeschichten und keine Hinterhöfe mehr. Provinz. Einfamiliensiedlung. Einkaufscenter. Ödheit. Eine Frau und ein Mann, der nie da ist und ein Kind. Die Frau heißt Stella und pflegt alte, kranke Menschen. Das Kind geht in die Kita und mag Eierkuchen mit Apfelmus. Stella lebt gleiche Tage und erinnert sich an die Zeit mit der besten Freundin, als sie zusammen noch in der Stadt gewohnt haben. Berlin? Wahrscheinlich. Als es noch eben noch Bettgeschichten, lange Nächte, Alkohol und so gar keine Monotonie gab. Stella vermisst diese Tage. Jetzt trinkt sie alleine Tee, liest viele Bücher und telefoniert mit der Freundin, die tausend Kilometer weiter weg wohnt und auch Kinder hat. Und auch in einem großen Haus lebt. Und dann klingelt es. Ein Mann steht vor Stellas Haus. Ihr Stalker. Er möchte ein Gespräch. Doch sie lehnt ab. Er wird wiederkommen und anfangen Dinge zu schreiben, ihr in den Briefkasten zu stecken. Und Stella wird erst sehr spät etwas dagegen unternehmen.

Sie denkt an Bestrafung, sieht ihn als ihr Spiegel.

„Aller Liebe Anfang“ beschreibt auch Judith Hermanns Generation. Die Generation Berlin vor 10 Jahren. Die still gewordenen, gefügten Heimkehrer. Was wurde aus? Der große Spaß hat irgendwann ein Ende. Man hat sich ausgelebt. Geheiratet. Kinder gekriegt. Man ist etwas anderes geworden, als man sich immer vorgenommen hatte. Man ist sich nicht mehr treu geblieben.                                      Die große Ernüchterung. Die große Vernunft. Sehnsucht nach Ordnung. Doch wie die Eltern.          Und was kommt dann?

Das Buch hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Es ist kein Thriller, obwohl es Elemente davon in sich trägt. Es ist wahrscheinlich deshalb kein Thriller, weil es aus dem Leben erzählt. Ganz normal. Selbst ein Stalker kann die große Tristesse nicht verdrängen. Er beschwört sie vielmehr hervor. Am Ende zieht Stella weg. Allein oder mit ihrem Mann. Ich bin mir nicht sicher.

Sie hat eine Chance gesehen. Noch einmal das Leben ändern. Einmal die Weichen anders legen. Jetzt oder nie. So wie damals vor 10 Jahren in Berlin, als alles möglich schien. Und dann sich doch dagegen entscheiden, weil ankommen auch schön ist. Ich kenne diese Gedanken. Ich bin noch nicht 30. Ich konnte das Buch zu Ende lesen, es als eine Warnung verstehen. Wovor? Regenjacke & Wanderschuhe statt nackte Füße auf roten, kalten Holzdielen? Lange einsame Spaziergänge statt Milchkaffee am Helmholzplatz? Köln statt Berlin? Alleine sein macht Spaß. Früher habe ich mich dafür geschämt. Heute nicht mehr.

Ich habe mich verändert. In dem Berlin vor 10 Jahren haben wir nachts auf den Dächern gesessen und lange darüber philosophiert, was wir mit unserem Leben anfangen wollen. Malen, Singen, Schreiben. Wir sind durch den Prenzlauer Berg gezogen und haben Tische und Stühle der neuen Schwäbischen Cafés umgeworfen. Wir waren stolz auf unsere Ofenheizung. Auf unseren Minimalismus. Nichts brauchten wir. Nur Zigaretten. Und wir haben uns dabei beobachtet. Fanden uns mutig. Doch am Ende hatten wir alle Angst. Kaum einer hat es gewagt, die Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule zu machen. Einen wirklichen Weg zu gehen. Wir waren verliebt in eine Idee. Vor dem Alltag und der Enttäuschung hatten wir Angst.

Erst als ich die Stadt verlassen habe, konnte ich mich dem stellen.

Kein Altbau mit Außenklo mehr. So ist es eben einfach, oder? Wir sind erwachsen geworden.          Wir alle haben aufgehört nur zu Rauchen und nur zu Trinken. Wasser statt Wein. Olivendips statt Zigaretten? Joggen und ohne Kohlenhydrate am Abend. Judith Herrmann hat ein Buch über das Erwachsenwerden geschrieben und hat mich volle Kanne dabei ertappt.

Und wie ging es den Kritikern? Haben die sich von ihr auch ertappt gefühlt? Ein zweites Mal kann ich das Buch nicht lesen. Erstmal. Ich habe mich auch gegen die Lesung mit der Autorin am Abend entschieden. Das wäre mir zu viel. Dafür gucke ich Tatort. Die Wiederholung. Auch nicht besser.

 

Ich wäre jetzt gerne in Berlin.

 

Vor 10 Jahren habe ich das geschrieben:

 

HERBST

 

In Berlin kann man im Herbst

Sitzend auf die Gleise sehen

Und rundherum die hässlichen Ruinen

Ganz versunken in der Abendsonne begaffen

 

Wir schweigen.

 

In Berlin kann man im Herbst

Wilden Mohn an Hängen pflücken

Über denen breite Rohre ragen

Unter denen auch die S-Bahn fährt

 

Deine Augenfarbe ändert sich im Licht.

 

In Berlin hat man es schwer im Herbst

Wenn man noch alleine ist.

Wenn das Wetter umschlägt

Und alles zu einem grauen Grau verschwimmen lässt.

 

Überwinter!

 

In Berlin kann man im Winter

Sich nur nach dem Frühling sehnen.

Außer, wenn Du morgens für mich heizt

Und nicht vergisst, die Ofentür zu schließen.

 

 

 

 

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